Wer wollen wir gewesen sein?

Wir haben alles, was wir brauchen. Wir haben die wirtschaftlichen Mittel. Wir haben das Wissen, wie man vernünftig miteinander umgeht. Wir wissen, wie gute Kommunikation funktioniert. Wir haben die technischen Möglichkeiten. Wir haben eine offene, demokratische, liberale Gesellschaft. Es ist alles da. Und trotzdem herrscht Pessimismus (Vgl. den Security Radar 2022 der Friedrich-Ebert-Stiftung) und man hat das Gefühl, sich auf einer schiefen Ebene zu befinden: ein Krieg in Europa scheint wieder möglich, die demokratische Basis der USA scheint ernsthaft in Gefahr zu sein und die Verbreitung demokratischer Strukuren ist weltweit rückläufig (vgl. den Demokratieindex 2021 der Zeitschrift The Economist), der Umgang mit Fakten wird beliebig, die Maßnahmen zur Abmilderung des Klimawandels kommen nur äußerst zäh voran, die ökonomischen Spaltungen nehmen zu uswusf.

Nun herrscht auch kein Mangel an Erklärungen, warum das so ist: bevorzugte mediale Aufmerksamkeit für schlechte Nachrichten; im Steinzeitalter stecken gebliebene Entwicklung unserer Hirnfunktionen und archaischen Wahrnehmungsmuster, die der Unübersichtlichkeit der VUCA-Welt nicht gewachsen sind; sich selbst verstärkende und polarisierende Click-Bait-Bubbles; die Langwierigkeit demokratischer Prozesse.

Aber irritierend ist doch: Wenn wir uns das alles erklären können, dann müssten wir doch in der Lage sein, einen anderen Umgang damit zu finden.

Vielleicht sollten wir aufhören, vor allem gegen Bedrohungen zu kämpfen. Vielleicht sollten wir stattdessen wieder anfangen, uns zu überlegen, in was für einer Welt wir leben möchten. „Strengt Euch an!“ heißt ein lesenswertes Buch von Wolf Lotter (Wolf Lotter: Strengt Euch an, München 2021). Lotter beginnt mit einer Gedichtzeile von Bertold Brecht, die im Jahr 1949 nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs entstand: „Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns. Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.“ Und dann fügt er hinzu: „Es ist viel schwieriger, sich unter guten Bedingungen anzustrengen, als in Zeiten bitterer Not, in denen es um Leben und Tod geht. Aus den Komfortzonen heraus Ziele zu schaffen und Zukunft zu denken, damit haben Menschen kaum Erfahrung. Aber wenn wir uns nicht anstrengen, genau das zu tun, führt die Ebene in den Untergang.“ Wie es aber gehen könnte, dazu hat Harald Welzer ein paar anregende Überlegungen zusammen getragen. (Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst, Frankfurt 2021) Welzer schlägt uns vor, einen Nachruf auf uns selbst zu verfassen anhand der Frage: Wer will ich gewesen sein? Vom Ende her denken, um sich dann im alltäglichen Leben an diesen Leitgedanken orientieren zu können.

Wer also wollen wir gewesen sein?

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