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Das Wort Querdenker habe ich noch nie gemocht. Heute weiß ich auch, warum. Wenn sich früher – also vor Corona – Menschen als Querdenker bezeichnet haben, schien mir das immer schon eine Phrase zu sein. Ich verbinde damit die Vorstellung, dass ein Querdenker für sich in Anspruch nimmt, stets eine originelle, von der Mehrheit abweichende Position zu vertreten. Eine andere Meinung zu haben als andere, ist aber kein Wert an sich. Es ist nicht einmal ein Wert an sich, überhaupt zu allem eine eigene Meinung zu haben.

Unsere Welt ist viel zu komplex, als dass jede und jeder über alles Bescheid wissen könnte. Unsere Welt ist glücklicherweise funktional differenziert, so dass wir über Expertenwissen verfügen können, auch wenn wir das nicht immer alles selbst nachvollziehen können. Ich persönlich will das auch gar nicht. Mein Leben wäre viel zu anstrengend, wenn ich mein Handy nicht nur benutzen, sondern auch verstehen wollte. Oder meinen Kühlschrank. Oder die exakte Wirkungsweise von Medikamenten, die ich einnehme. Ich entscheide mich sehr oft bewusst und noch viel öfter sicher unbewusst, darauf zu vertrauen, dass andere das schon richtig machen. Manchmal scheint es allerdings so, als sei dies für einige Menschen eine kaum aushaltbare Kränkung: nicht überall mitreden zu können.

Statt quer zu denken, würde es mir schon genügen, wenn wir einfach nur denken. Es schadet sicher auch nicht, dabei einigermaßen methodisch vorzugehen. Dialektisch z.B.: These – Antithese – Synthese. Da ist das Querdenken ja quasi schon inbegriffen, ohne dass es zum individualistischen Ideal oder zum Ausdruck intellektueller Unabhängigkeit hochstilisiert werden müsste.