Nachdenken über Corona VII

Held oder Feigling – oder… was?

Wir sind derzeit alle zu Hause, die ganze Kernfamilie. Und: #WirBleibenZuhause. Das heißt, wir unterstützen all diejenigen, die derzeit die Grundversorgung, die medizinische Versorgung sowie die Sicherheit aufrecht erhalten. Indem wir uns einschränken, versuchen wir, anderen keine unnötige Arbeit zu verursachen. Das ist nicht sehr heldenhaft im Vergleich zu dem, was andere gerade tun. Außerdem muss ich gestehen, dass die Welt da draußen bei mir Beklommenheit auslöst. Eine unsichtbare Bedrohung. Der Kontakt mit anderen ist alles andere als ungezwungen. Alle beobachten sich gegenseitig, halten Abstand, machen einen Bogen – oder eben gerade nicht. Entspannt ist anders. Perfekte Zeiten, um paranoid zu werden.

Nun halte ich mich aber nicht für einen Paranoiker, auch nicht für einen Sicherheitsfanatiker, sondern für jemanden, der versucht, sich vernünftig an Regeln zu halten, die ihm einleuchten. Und es ärgert mich, dass mir und uns von manchen zurückgespiegelt wird, wir würden es mit unserer Vorsicht doch arg übertreiben. Es ärgert mich sogar sehr. Nun – wenn es mich so sehr ärgert, dann trifft es vielleicht einen Punkt: Bin ich etwa ein Feigling?

Prinzipiell gibt es drei Möglichkeiten, instinktiv auf Bedrohungen zu reagieren: Weglaufen (Flucht), sich der Gefahr entgegen stellen (Kampf), oder sich einigeln (Erstarren). Unser Hirn muss in der Regel einiges an Arbeit leisten, um diese spontane Reaktion vernünftig zu überdenken, und dann eventuell alternative Handlungsweisen zu entwickeln. So kann der fliehende „Feigling“ auch zurückkehren, und den Kampf aufnehmen. Der streitbare „Held“ besorgt sich eine Schutzausrüstung. Und der erstarrte Igel checkt die Lage und sondiert, wann er sich sinnvollerweise bewegen sollte.

Nun müssen auch wir ab und zu Lebensmittel einkaufen. Dann stellt sich die Frage: Wer macht’s? Als Familienvater ist es mein erster Impuls, mich „schützend vor meine Familie zu werfen“ und zu sagen: Natürlich fahre ich. Hier kann ich ja wohl mal Held sein. Nun habe ich aber auch einen Sohn mit Führerschein, der anbietet, das zu übernehmen. Und ältere Verwandtschaft, die sich – obwohl Risikogruppe – standhaft weigert, sich unterstützen zu lassen. Da wäre es ja eher vorbildlich, wenn auch ich mir von jemand Jüngerem helfen lasse. Was also tun?

Kürzlich lief im Fernsehen ein Film, „Höhere Gewalt„, über eine Familie im Skiurlaub, die nur knapp einem Lawinenunglück entgeht. Im Moment der Gefahr kümmert sich die Mutter instinktiv um ihre beiden Kinder, während der Vater fortläuft. Nachdem die Gefahr gebannt ist, kehrt der Vater zur Familie zurück und alle tun so, als ob nichts geschehen wäre. Der Film lebte anschließend von der Spannung, wie die Familie damit klarkommt, dass in einem existenziellen Moment solch unterschiedliche Überlebensinstinkte zu Tage getreten sind.

Solche Momente erleben wir auch gerade, im Kleinen wie im Großen. Es ist klug, nicht einfach darüber hinwegzugehen. Solche Momente haben das Zeug uns langfristig zu beschäftigen.

Beim Einkaufen gibt es nun folgende Möglichkeiten:

  1. den Sohn fahren lassen, und sich dabei entweder ohnmächtig, wie ein Feigling oder Paranoiker zu fühlen – oder dies als vernünftige Entscheidung zu betrachten, die nicht nur im eigenen Interesse ist, sondern auch im Sinne der ganzen Familie und der Gesellschaft.
  2. selbst losfahren, und sich dabei entweder als Retter und Held fühlen, der furchtlos und unverwundbar hinaus in die Welt zieht – oder dies als vernünftige Entscheidung zu betrachten, weshalb man dann auch beim Einkaufen vernünftiges Verhalten zeigt (Abstand hält und z.B. einen Mundschutz trägt, selbst wenn man dafür schief angeschaut wird).
  3. sich als Vater mit seinem Sohn abwechseln,  um Risiko und „Heldenstatus“ gerecht zu verteilen – und zugleich versuchen, daraus keinen Wettbewerb entstehen zu lassen.
  4. gemeinsam fahren, ebenfalls um Risiko und „Heldenstatus“ untereinader gerecht zu verteilen – aber dabei zugleich das Gesamtrisiko zu erhöhen
  5. sich liefern lassen, das Problem auf andere abzuwälzen, dabei aber zugleich auf jeglichen Anteil an „Heldentum“ zu verzichten.

Richtig überzeugend finde ich nichts davon. Es scheint mir allerdings ein Merkmal dieser Krisenzeit zu sein, das plötzlich auch Kleinigkeiten ethisch aufgeladen sein können und uns irritierende Dilemmata bereiten.

Nur eins scheint klar: Wir brauchen vernünftige Helden, vernünftige Feiglinge und vernünftige Igel. Und wahrscheinlich kann jeder von uns mal das eine, mal das andere und mal das dritte sein.

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